Experten-Gespräch
Dynamischer Stromtarif: So beeinflusst die Strombörse Ihre Stromrechnung
Die Waschmaschine läuft, wenn der Strom günstig ist. Viel mehr muss Benedikt Herbert bislang gar nicht tun: Mit seinem dynamischen Stromtarif spart er nach eigener Aussage rund 20 Prozent gegenüber seinem vorherigen Tarif. Er betreut diese Tarife bei MVV und nutzt einen auch privat. Im Interview erzählt er, wie das im Alltag funktioniert, wer besonders profitieren kann und warum günstige Preise nur eine Seite der Medaille sind.

Redaktion: Wie würden Sie einem Freund oder Kollegen erklären, was ein dynamischer Stromtarif ist?
Benedikt Herbert: Ich erkläre es immer so: Man zahlt keinen festen Preis pro Kilowattstunde. Stattdessen orientiert sich der Verbrauchspreis an den schwankenden Preisen an der Strombörse. Wer seinen Verbrauch in günstige Zeiträume verlegt, kann dadurch sparen.
Redaktion: Sie arbeiten in der Energiebranche, deshalb habe Sie viele Tarifangebote auf dem Schirm. Was hat für Sie den Ausschlag gegeben, sich für den dynamischen Stromtarif zu entscheiden?
Benedikt Herbert: Mich hat die Idee begeistert, meinen Stromverbrauch selbst in die Hand zu nehmen. Also zu entscheiden, welchen Stromverbrauch ich in welche Zeiten lege. Ich weiß ja, dass zu bestimmten Zeiten viel Strom verfügbar ist und er dann an der Strombörse günstiger gehandelt wird. Wer einen dynamischen Tarif hat und den Strom in diesen Zeiten nutzen kann, ist klar im Vorteil.
Redaktion: Ist der Wechsel zu diesem Tarif komplizierter als bei einem herkömmlichen Tarif?
Benedikt Herbert: Im Prinzip ist das ein ganz normaler Tarifwechsel. Entscheidend ist, ob man schon einen Smart Meter hat. Bei mir hat MVV ihn im Rahmen des damaligen Pilotprojekts mit angeboten und installiert. Anschließend wurde der Tarif angemeldet.
Bis ich auf die dynamischen Tarifkonditionen umgestellt war, hat es noch etwa zwei Wochen gedauert. Dann konnte ich auch meinen Verbrauch in der App sehen. Die Messwerte von heute kann ich jeweils am nächsten Tag einsehen.
Redaktion: Warum ist ein Smart Meter die wesentliche technische Voraussetzung?
Benedikt Herbert: Ein Smart Meter ist ein intelligentes Messsystem, das dem Energielieferanten viertelstündliche Verbrauchswerte übermittelt. Damit lässt sich zuordnen, wie viel Strom ich in welcher Viertelstunde verbraucht habe und welcher Preis dafür gilt. Auf dieser Grundlage kann der Anbieter die Kosten in der App anzeigen und später abrechnen.
Mehr zum Smart Meter: Wer ein intelligentes Messsystem bekommt und wie der Einbau abläuft, erfahren Sie in unserem Ratgeber: Wann und wie bekomme ich einen Smart Meter?
Redaktion: Wie funktioniert das im Alltag?
Benedikt Herbert: Ich bekomme vom Energieanbieter jeden Tag Push-Nachrichten auf mein Handy. Darin sehe ich die günstigen und die teureren Zeiträume für den nächsten Tag. Die Preisverläufe kann ich auch jederzeit in der App einsehen und dann überlegen, wann ich am nächsten Tag zum Beispiel die Wäsche wasche. Ich kann das ja über die Waschmaschine automatisch ansteuern und das funktioniert eigentlich ganz gut.
Redaktion: Angenommen, Sie hätten zusätzlich ein Elektroauto. Würde das die Sache komplizierter machen?
Benedikt Herbert: Das wäre genauso einfach im Handling. Je nach Ausstattung würde ich das über die HEMS-App, die Wallbox-App oder die App des Autoherstellers steuern. Dort kann man üblicherweise Ladezeiten hinterlegen oder das Laden mit dem dynamischen Tarif verknüpfen. Wichtig ist natürlich, dass das Auto an der Wallbox angeschlossen ist.
Redaktion: Wieviel Prozent vom Stromverbrauch in einem Haushalt macht das aus, wenn das E-Auto an der Wallbox hängt.
Benedikt Herbert: Das hängt vom Nutzungs- und Fahrverhalten ab und davon, welche Geräte es sonst noch im Haushalt gibt. Der Anteil liegt bezogen auf einen klassischen deutschen Durchschnittshaushalt (ca. 3.000 bis 4.000 kWh pro Jahr) bei einem zusätzlichen Anteil von etwa 35 % bis 50 %, im Extremfall sogar bei bis zu 80 Prozent.
Redaktion: Zurück zur Tarif-App. Ist sie auch für „Nicht-Experten“ einfach zu bedienen?
Benedikt Herbert: Meiner Meinung nach ist die App recht einfach aufgebaut. Es gibt nicht so viele Funktionen, dass man sich darin verlieren könnte. Alles ist verständlich, die Grafiken sind übersichtlich. Ich hatte bislang keine Probleme mit der Bedienung.
Mit der Zeit schaut man auch nicht mehr ständig nach, sondern konzentriert sich auf die größeren Verbräuche. Bei mir ist das eben die Waschmaschine.
Redaktion: Was sind denn die ganz großen Stromverbraucher im Haushalt?
Benedikt Herbert: In der Regel sind das Elektrowagen und Wärmepumpe, dann folgt der Haushaltsverbrauch. Und beim Haushaltsverbrauch sind es dann üblicherweise Trockner, Waschmaschine, Herd beziehungsweise Backofen.
Redaktion: Je mehr große Verbraucher man hat, desto eher lohnt sich also ein dynamischer Tarif?
Benedikt Herbert: Ja, genau. Je mehr große Verbraucher ich habe, desto wahrscheinlicher ist es, dass ich einen Teil meines Stromverbrauchs in günstigere Zeiten verschieben kann. Dadurch kann ich im Durchschnitt günstigere Strompreise nutzen als jemand, der seinen Verbrauch kaum verlagern kann.
Redaktion: Können Sie beziffern, wie hoch die durchschnittliche Ersparnis für Ihren Haushalt jetzt nach der Umstellung auf den dynamischen Tarif ist?
Benedikt Herbert: Meine Ersparnis liegt im Vergleich zu meinem vorherigen Tarif bei etwa 20 Prozent. Ich sage „nur“ 20 Prozent, weil ich bislang keine großen Verbraucher hatte, deren Verbrauch ich hätte verschieben können.
Redaktion: Welchen „Verbraucher-Typen“ würden Sie den dynamischen Stromtarif empfehlen?
Benedikt Herbert: Ich würde ihn Personen empfehlen, die große steuerbare Verbraucher wie ein Elektroauto oder eine Wärmepumpe haben oder einen Batteriespeicher nutzen. Hilfreich ist auch, wenn man Spaß daran hat oder den Ehrgeiz entwickelt, den Verbrauch in die günstigeren Zeiträume zu legen. Wer ein Home Energy Management System hat, kann sich diese Arbeit weitgehend abnehmen lassen.
Redaktion: Und für wen lohnt es sich vielleicht nicht?
Benedikt Herbert: Abraten würde ich Personen, die ihren Verbrauch nicht verschieben können und Strom vielleicht sogar regelmäßig in besonders teuren Stunden benötigen. Das sind häufig die Zeiten, in denen viele Menschen gleichzeitig Strom verbrauchen, etwa morgens zwischen 7 und 9 Uhr oder abends zwischen 17 und 19 Uhr. Wer da nichts verschieben kann, für den ist ein dynamischer Tarif aus meiner Sicht nicht sinnvoll.
Redaktion: Wie zufrieden sind Sie rückblickend mit der Umstellung?
Benedikt Herbert: Auch wenn es finanziell für mich noch nicht der ganz große Wurf ist, sehe ich die Umstellung positiv. Es ist ein schönes Gefühl zu sehen, wie günstig mein Verbrauchspreis teilweise war und wie wenig ich dafür aktiv tun musste. In den nächsten Jahren werden bei mir vermutlich auch größere Verbraucher hinzukommen. Dann hoffe ich natürlich, noch stärker davon profitieren zu können.
Redaktion: Gab es auch Ereignisse, die Sie überrascht haben?
Benedikt Herbert: Ja, der 1. Mai 2026. An diesem Tag waren die Preise in der App für mich negativ. Für jede Kilowattstunde, die ich verbraucht habe, habe ich damals etwa 33 Cent bekommen. Das war schon eine verrückte Konstellation. Da habe ich mich natürlich geärgert, dass ich keine großen Verbraucher habe (lacht). Das war ein extrem günstiger Tag an der Strombörse und damit auch für mich.
Es gab aber auch das Gegenstück mit einem Preis von 70 Cent pro Kilowattstunde. Wo Licht ist, ist auch Schatten. Dass man überhaupt die Möglichkeit hat, die günstigen Phasen zu nutzen, finde ich eine tolle Sache.
Redaktion: Vielleicht können wir es mit E-Auto und Verbrenner vergleichen: Mit dem E-Auto denkt man drüber nach, wie das Nutzungsverhalten ist und plant zum Beispiel Reisen anders. Beim Verbrenner hat man eigentlich nie drüber nachgedacht, man ist einfach losgefahren.
Benedikt Herbert: Genau. Als Kunde eines dynamischen Stromtarifs beschäftigt man sich stärker mit dem Energiesystem und versteht die Hintergründe besser. Man kann selbst aktiv werden, indem man den eigenen Stromverbrauch in günstige Zeiträume verlegt.
Redaktion: Als Kunde entwickle ich mich also weiter, vom „passiven“ Verbraucher zum aktiven „Energiemanager“?
Benedikt Herbert: Ja, durch den Tarif lerne ich, meinen Verbrauch an den Preissignalen der Börse auszurichten. Ich sehe, welche Preise es gibt und welche Möglichkeiten sich daraus ergeben.
Dahinter steht der starke Umbau unseres Energiesystems in den vergangenen 25 Jahren. Früher wurde Strom vor allem aus Kohle und Kernenergie erzeugt. Heute spielen erneuerbare Energien eine viel größere Rolle. Ihre Erzeugung schwankt zwar, bringt aber auch handfeste Vorteile mit sich.
Wenn viel erneuerbare Energie verfügbar ist, wird Strom an der Börse oft sehr günstig gehandelt. Mit einem dynamischen Tarif erlebt man diesen Zusammenhang unmittelbar. Das bekommt man als Kunde sonst kaum mit.
Redaktion: Damit ist ein dynamischer Stromtarif auch ein bisschen Werbung für erneuerbare Energien?
Benedikt Herbert: Wenn man so will, ist er die Antwort der Verbraucherseite auf den Umbau des Energiesystems. Weil die Stromerzeugung aus Wind und Sonne schwankt, hilft es, wenn auch der Verbrauch flexibler wird.
Redaktion: Würden Sie sagen, den dynamischen Stromtarifen gehört die Zukunft?
Benedikt Herbert: Ich würde es so sagen: Die Zukunft gehört den Kunden, die ihren Stromverbrauch flexibel anpassen können. Ein dynamischer Tarif zeigt ihnen unmittelbar, wann sich das lohnt. Sie sehen, zu welchen Zeiten Strom günstig ist, und können zum Beispiel das Laden ihres E-Autos oder den Start der Waschmaschine danach ausrichten. Da immer mehr Home Energy Management Systeme verbaut werden, müssen die Kunden in Zukunft weniger selbst agieren, weil das System die Steuerung übernimmt.
Für mich bietet der dynamische Tarif außerdem eine besonders hohe Transparenz. Bei meinem Tarif sind die Preisbestandteile offengelegt: vom Börsenpreis über die Händlergebühr des Anbieters bis zu den weiteren Kosten, Steuern und Umlagen. Ich kann also nachvollziehen, wie sich mein Strompreis zusammensetzt.
Sie möchten herausfinden, ob ein dynamischer Stromtarif auch zu Ihrem Alltag passt? Unsere Expertinnen und Experten beraten Sie gerne und beantworten Ihre Fragen.



